Aids-Skeptikerbühne profil
von taschwer am 13. Jul, 10:07
Tina Goebel, gerade mit dem österreichischen Förderungspreis für Bildungsjournalismus ausgezeichnet, hat in der letztwöchigen profil-Wissenschaftsgeschichte (sorry, ich war grad zwei Wochen weg) den Aidsskeptikern (allen voran Luc Montagnier) eine ziemlich sichtbare Bühne geboten. Heftige Kritik blieb daran naturgemäß nicht aus. Zu den Rechtfertigungen und den allzu verständlichen Leserbriefprotesten geht es da:
http://blog.profil.at/index.php/tinagoebel/kratzen-am-aids-mythos
Und wieder einmal stellt sich die Frage, unter welchen Umständen medial verstärkte Kritik an der herrschenden Lehre angebracht ist. Und unter welchen Umständen nicht.
http://blog.profil.at/index.php/tinagoebel/kratzen-am-aids-mythos
Und wieder einmal stellt sich die Frage, unter welchen Umständen medial verstärkte Kritik an der herrschenden Lehre angebracht ist. Und unter welchen Umständen nicht.



Profil ergreift Partei
Würde vergleichbares in einem SPIEGEL veröffentlicht, würden konkurrierende deutschen Leitmedien die Qualität der Spiegel-Berichterstattung lustvoll und öffentlich in Frage stellen.
Hier in Österreich bemüht eine Verirrung dieses Ausmaßes das nur ein paar Blogger.
Medial verstärkte Kritik an der herrschenden Lehre ist unerlässlich. Dazu bedarf es aber neutraler Absender/Medien. Genau hier haben Frau Goebel und das Profil versagt und den Gegenargumenten kaum Raum gegeben. Das gesamte Forschungsfeld AIDS/HIV war dem Profil in den letzten Jahren kaum ein paar Zeilen wert. Stattdessen werden abermals Denialisten in den Mittelpunkt des Geschehens gerückt.
Nicht gegen die Kritik an sich, sondern gegen die Parteinahme des Mediums muss man in aller Schärfe Stellung beziehen.
Szenen einer Verelendung oder: Journalismus in Zeiten der Cholera
Aber wie kommt es, dass so eine Ente ungehindert übern See schwimmen kann? Dazu ein bisschen Branchen-Gossip samt Exegese:
Vor einiger Zeit hat das profil das Seitenhonorar für freie MitarbeiterInnen um ein Drittel (!) gekürzt. Wegen Krise und so. Zum jüngsten Jahreswechsel haben sich einige der langjährigen WissenschaftsautorInnen zusammen gerottet gemeinsam protestiert. (Ja, das gibt es! Freie JournalistInnen aller Länger vereinigt euch!) Argument: Um dieses Geld lässt sich nicht mehr anspruchsvoll arbeiten. Weil Recherche braucht Zeit und Zeit ist €.
Die Reaktion des HGs waren damals zwei mails. Das erste war schmeichelnd und bittend, das zweite lautete schlicht "ich kann nichts für euch tun". Ein Betroffener meint, dass sich das Blatt mit der Kürzung den Gegenwert von eineinhalb Inseratenseiten erspart – pro Jahr!
Ungefähr seit dem Jahreswechsel gibt es deshalb einen löchrigen Bummelstreik der Routiniers. Daher schreibt jetzt Haudegen und Ressortchef Robert Buchacher fast jede Woche, aufgrund der Frequenz natürlich nicht allzu tiefschürfend. Und hie und da darf eben auch die wide eyed Nachwuchshoffnung Göbel ran. Das also sind die Humanressourcen im Bereich Wissenschaft von österreichs wichtigstem Nachrichtenmagazin!
Und, noch strukturiger: Zumindest in der Wissenschaft scheint mir die profil-Leitung eine medienethisch durchaus bedenkliche Vorliebe zur vermeintlich unterhaltsamen Blödsinn-Schlagzeile zu haben. Wurde da nicht schon mal der Klimawandel abgeblasen (von Wolf Lotter, wenn ich mich richtig erinnere.) Jüngst gings wieder in die andere Richtung: In einem Leitartikel postulierte HG Rainer kühn, dass die Menschheit aussterben wird, wenn der Klimawandel nicht gestoppt wird. Kurz darauf, knapp vor Kopenhagen dann der legendäre Cover mit der ernst gemeinten Frage: "Stirbt die Menschheit aus?" (Im ersten Absatz der Story dann übrigens die erwartbare Antwort: "Nein" Was für ein Mumpitz!)
Also: Je weniger Fachwissen/Erfahrung/Recherchekapazität da ist, desto weniger kann eine Redaktion dem Wunsch des HG nach geilen Schlagzeilen entgegen setzen.
:-(
Trotzdem: Spasday!
PS: Im aktuellen profil wird der "Falter" im Editorial und dann noch einmal auf einer ganzen Seite abgewatscht, weil der eine profil-Enthüllung von vor drei Monaten als aktuelle Falter-Story verkauft. Kann bitte jetzt auch wer das profil abwatschen für seine brandaktuelle Enthüllung der 20 Jahre alten Kofaktoren-Geschichte? Danke!
Ceterum censeo bzw @Markus: Prinzipiell mal nix gegen TheaterwissenschafterInnen! Weil eben auch gute AmateurInnen gut recherchieren/erzählen könnten. Damit meine ich natürlich inhaltliche, nicht journalistische AmateurInnen.