Das ist ja witzig. Das Buch habe ich vor einiger Zeit für die "Spurensuche" rezensiert, ich bin so frei, diese hier einfach einzupasten. Nikola und ich sind uns jedenfalls erstaunlich einig.
Peter Faulstich (Hg.): Öffentliche Wissenschaft. Neue Perspektiven der Vermittlung in der wissenschaftlichen Weiterbildung. Bielefeld 2006 (transcript). 241 Seiten
Der Titel klingt viel versprechend, der Untertitel lässt schon ein wenig stutzten, der Blick ins Inhaltsverzeichnis erzeugt erste Falten auf des Lesers Stirn, die sich nach 241 Seiten Lektüre enorm vertieft haben. Die dreizehn Beiträge sind nicht nur was die Themen sondern auch was die Herangehensweisen und Methoden angeht sehr heterogen: es finden sich historische Analysen, Forschungsberichte, Fallstudien sowie Texte mit programmatischen und normativen Überlegungen.
Im Untertitel wird die wissenschaftliche Weiterbildung als gemeinsamer Nenner angegeben, ein Terminus, der ohne jegliche Trennschärfe verwendet wird: Mal geht es um Wissenschaftspopularisierung allgemein, mal um Erwachsenenbildung im engeren Sinne, sei es an der Volkshochschule oder an der Universität im Sinne der university extension, mal um Frauenstudien, also reguläre Studiengänge, und schließlich auch um Aufbaustudien bzw. Weiterbildungsangebote für Hochschulabsolventen, also um Postgraduiertenstudien, letztlich also um alles.
Man könnte dies wohlwollend als thematische Vielfalt oder besser als Kraut und Rüben beschreiben. Die einzelnen Aufsätze arbeiten sich nicht an denselben Fragen ab und sind auch kaum aufeinander bezogen, was in vielen Fällen gut möglich gewesen wäre. Die Ökonomisierung des Bildungswesens, die zunehmende Medialisierung der Wissenschaft oder die Bedeutung der neuen Medien werden mehrfach thematisiert, aber nicht verknüpft. Über den Entstehungskontextes dieses Buches – gehen die Beiträge auf eine Tagung zurück? – erfährt man nichts. Dass ein sehr wünschenswertes Register fehlt komplettiert den Eindruck der Inkohärenz. Folglich fragt man sich für wen dieses Buch geschrieben wurde und ob sich der Herausgeber dies überhaupt gefragt hat. Dass ausgerechnet ein Buch über „Öffentliche Wissenschaft“ punkto einer zielgruppengerechten Kommunikation so zu wünschen übrig lässt, ist gleichermaßen frappierend wie bedauerlich, vom mangelnden Lektorat ganz zu schweigen.
Dabei ist ein Teil der Beiträge durchaus niveauvoll. Andreas Daum liefert einen sehr guten und vor allem problemorientierten Überblick über die Wissenschaftspopularisierung im 19. Jahrhundert. Er verortet sie in den politischen und gesellschaftlichen Entwicklungen der Zeit und verweist auf die zahlreichen Akteure die „hinter den Fassaden der sich ausbreitenden Mediengesellschaft verborgen“ (43) bleiben, wenn man sie nicht wieder hervorholt, wie Daum das in seinem Standardwerk „Wissenschaftspopularisierung im 19. Jahrhundert“ getan hat. Des weiteren stellt er auch bemerkenswerte methodische Überlegungen zur Frage an, wie sich überhaupt eine Geschichte der Wissenschaftspopularisierung schreiben ließe.
Klaus Taschwer weist in seinem Beitrag über populärwissenschaftliche Magazine im späten 19. und frühen 20. Jahrhundert auf die beträchtliche ökonomische Dimension dieses Marktes hin, verweist auf nationale Differenzen und wirft einen Blick in die der Volksbildung verpflichteten Wiener Zeitschrift „Das Wissen für Alle“ (1900-1913).
Wilhelm Filla erzählt die – an sich bekannte – Geschichte der Wiener Volksbildungsbewegung um 1900 nach, um am Ende das 1998 ins Leben gerufene Programm „University meets Public“ zu verteidigen und die „unverkennbare Marginalisierung von Erwachsenenbildung im Allgemeinen und der Volkshochschulen im Besonderen“ zu beklagen. Hier werden, wie auch in einigen anderen Beiträgen, Analyse und Parteinahme bzw. Affirmation vermengt. Vielleicht ist diese Verdopplung der Rollen, Historiker und aktiv Involvierter, in einem kleinen Feld wie der Erwachsenenbildung unvermeidlich, es sollte aber zumindest mitreflektiert und explizit gemacht werden.
Der Aufsatz „Populäre Wissenschaft in Museen und Science Center“ von Annette Noschka-Roos und Jürgen Teichmann ist ein gut begründetes Votum für PUR. Public Understanding of Research will „ein vertieftes Verständnis für den Prozess der Forschung zu erzeugen“ (94). Naturwissenschaft und Technik aus ihrem Entstehungskontext zu reißen und zu mystifizieren leitet nicht zu einem reflektierten und mündigen Umgang mit den Chancen aber auch den Problemen unserer von Technologie bestimmten Gegenwart an. Damit stehen Museen vor der Aufgabe nicht nur Erlebnisse sondern auch „Erzählungen“ zu kreieren, die Objekte stärker zu kontextualisieren und vermehrt auf den Dialog mit den Besuchern zu setzen.
Burkhard Lehmanns Beitrag über „Public science Remote – oder Popwissenschaft aus der Ferne“ kommt über ein paar sehr allgemeine Betrachtungen nicht hinaus, rät aber der wissenschaftlichen Weiterbildung sich auf ihr „Kerngeschäft“ zu konzentrieren.
Auch der Artikel über Kinderunis von Christiane Brokmann-Nooren enthält kaum Neues und wenig von allgemeinem Interesse, da er in sehr affirmativer Weise über die Kinderuni an der Universität Oldenburg berichtet, für die die Autorin mitverantwortlich zeichnete. Hier fehlt es also auch an Distanz. Wobei man sich fragen mag, was sich überhaupt an einer so rundum positiv besetzten Sache wie der Kinderuni kritisieren ließe. Notorische Nörgler könnten vielleicht hübsch verpackte Akzeptanzbeschaffung für Wissenschaft und Technik wittern.
Dass die Universität Wien das Konzept der Universität Tübingen kopiert habe, wie Brokmann-Nooren behauptet, ist zudem falsch. Das Wiener Konzept ist unabhängig entstanden und sieht eine ganze Woche entsprechender Aktivitäten samt Mensabesuch vor, das Tübinger Konzept hingegen besteht aus über das Semester verteilten Vorlesungsreihen.
Der Artikel über SeniorInnenbildung von Felizitas Sagebiel reißt einige spannende Fragen an. Etwa: ob der Bolognaprozess und die zunehmende Ökonomisierung der Universität die Integration der älteren Studierenden erschweren wird. Insgesamt bleibt es aber ein Forschungsüberblick, der die Ergebnisse der letzten Jahre, fast Jahrzehnte synthetisiert. Abschließend stellt Karl Weber die sehr berechtigte Frage ob angesichts der zunehmenden Ausdifferenzierung der Universitätslandschaft Forschung und Weiterbildung nicht auseinander zu fallen drohen.
Der Gesamteindruck des Bandes bleibt freilich sehr zwiespältig. An klugen Ansätzen und Überlegungen mangelt es nicht, aber die Mischung ist gar zu beliebig. Auch wirkt vieles gar zu selbstbezüglich oder weniger vornehm ausgedrückt: die Erwachsenenbildung und die Forschung dazu kochen in ihrem eigenen Saft. Die Angst vor einem Bedeutungsverlust der wissenschaftlichen Weiterbildung, die zwischen den Zeilen zu lesen ist, wird durch die Beschwörung des Herausgebers Peter Faulstich, dem Projekt der Aufklärung verpflichtet zu sein (9 u. 30), nicht vertrieben. Wobei die wissenschaftliche Weiterbildung – im Gegensatz zur klassischen Erwachsenenbildung – in diesem allumfassenden Sinne, wie sie hier verstanden wird, ja keineswegs schrumpft sondern vielmehr expandiert. Aber sie ist dermaßen vielgestaltig geworden, dass sie mit einfachen Formeln wie Aufklärung nicht mehr zu fassen ist.
Parallelrezension
Peter Faulstich (Hg.): Öffentliche Wissenschaft. Neue Perspektiven der Vermittlung in der wissenschaftlichen Weiterbildung. Bielefeld 2006 (transcript). 241 Seiten
Der Titel klingt viel versprechend, der Untertitel lässt schon ein wenig stutzten, der Blick ins Inhaltsverzeichnis erzeugt erste Falten auf des Lesers Stirn, die sich nach 241 Seiten Lektüre enorm vertieft haben. Die dreizehn Beiträge sind nicht nur was die Themen sondern auch was die Herangehensweisen und Methoden angeht sehr heterogen: es finden sich historische Analysen, Forschungsberichte, Fallstudien sowie Texte mit programmatischen und normativen Überlegungen.
Im Untertitel wird die wissenschaftliche Weiterbildung als gemeinsamer Nenner angegeben, ein Terminus, der ohne jegliche Trennschärfe verwendet wird: Mal geht es um Wissenschaftspopularisierung allgemein, mal um Erwachsenenbildung im engeren Sinne, sei es an der Volkshochschule oder an der Universität im Sinne der university extension, mal um Frauenstudien, also reguläre Studiengänge, und schließlich auch um Aufbaustudien bzw. Weiterbildungsangebote für Hochschulabsolventen, also um Postgraduiertenstudien, letztlich also um alles.
Man könnte dies wohlwollend als thematische Vielfalt oder besser als Kraut und Rüben beschreiben. Die einzelnen Aufsätze arbeiten sich nicht an denselben Fragen ab und sind auch kaum aufeinander bezogen, was in vielen Fällen gut möglich gewesen wäre. Die Ökonomisierung des Bildungswesens, die zunehmende Medialisierung der Wissenschaft oder die Bedeutung der neuen Medien werden mehrfach thematisiert, aber nicht verknüpft. Über den Entstehungskontextes dieses Buches – gehen die Beiträge auf eine Tagung zurück? – erfährt man nichts. Dass ein sehr wünschenswertes Register fehlt komplettiert den Eindruck der Inkohärenz. Folglich fragt man sich für wen dieses Buch geschrieben wurde und ob sich der Herausgeber dies überhaupt gefragt hat. Dass ausgerechnet ein Buch über „Öffentliche Wissenschaft“ punkto einer zielgruppengerechten Kommunikation so zu wünschen übrig lässt, ist gleichermaßen frappierend wie bedauerlich, vom mangelnden Lektorat ganz zu schweigen.
Dabei ist ein Teil der Beiträge durchaus niveauvoll. Andreas Daum liefert einen sehr guten und vor allem problemorientierten Überblick über die Wissenschaftspopularisierung im 19. Jahrhundert. Er verortet sie in den politischen und gesellschaftlichen Entwicklungen der Zeit und verweist auf die zahlreichen Akteure die „hinter den Fassaden der sich ausbreitenden Mediengesellschaft verborgen“ (43) bleiben, wenn man sie nicht wieder hervorholt, wie Daum das in seinem Standardwerk „Wissenschaftspopularisierung im 19. Jahrhundert“ getan hat. Des weiteren stellt er auch bemerkenswerte methodische Überlegungen zur Frage an, wie sich überhaupt eine Geschichte der Wissenschaftspopularisierung schreiben ließe.
Klaus Taschwer weist in seinem Beitrag über populärwissenschaftliche Magazine im späten 19. und frühen 20. Jahrhundert auf die beträchtliche ökonomische Dimension dieses Marktes hin, verweist auf nationale Differenzen und wirft einen Blick in die der Volksbildung verpflichteten Wiener Zeitschrift „Das Wissen für Alle“ (1900-1913).
Wilhelm Filla erzählt die – an sich bekannte – Geschichte der Wiener Volksbildungsbewegung um 1900 nach, um am Ende das 1998 ins Leben gerufene Programm „University meets Public“ zu verteidigen und die „unverkennbare Marginalisierung von Erwachsenenbildung im Allgemeinen und der Volkshochschulen im Besonderen“ zu beklagen. Hier werden, wie auch in einigen anderen Beiträgen, Analyse und Parteinahme bzw. Affirmation vermengt. Vielleicht ist diese Verdopplung der Rollen, Historiker und aktiv Involvierter, in einem kleinen Feld wie der Erwachsenenbildung unvermeidlich, es sollte aber zumindest mitreflektiert und explizit gemacht werden.
Der Aufsatz „Populäre Wissenschaft in Museen und Science Center“ von Annette Noschka-Roos und Jürgen Teichmann ist ein gut begründetes Votum für PUR. Public Understanding of Research will „ein vertieftes Verständnis für den Prozess der Forschung zu erzeugen“ (94). Naturwissenschaft und Technik aus ihrem Entstehungskontext zu reißen und zu mystifizieren leitet nicht zu einem reflektierten und mündigen Umgang mit den Chancen aber auch den Problemen unserer von Technologie bestimmten Gegenwart an. Damit stehen Museen vor der Aufgabe nicht nur Erlebnisse sondern auch „Erzählungen“ zu kreieren, die Objekte stärker zu kontextualisieren und vermehrt auf den Dialog mit den Besuchern zu setzen.
Burkhard Lehmanns Beitrag über „Public science Remote – oder Popwissenschaft aus der Ferne“ kommt über ein paar sehr allgemeine Betrachtungen nicht hinaus, rät aber der wissenschaftlichen Weiterbildung sich auf ihr „Kerngeschäft“ zu konzentrieren.
Auch der Artikel über Kinderunis von Christiane Brokmann-Nooren enthält kaum Neues und wenig von allgemeinem Interesse, da er in sehr affirmativer Weise über die Kinderuni an der Universität Oldenburg berichtet, für die die Autorin mitverantwortlich zeichnete. Hier fehlt es also auch an Distanz. Wobei man sich fragen mag, was sich überhaupt an einer so rundum positiv besetzten Sache wie der Kinderuni kritisieren ließe. Notorische Nörgler könnten vielleicht hübsch verpackte Akzeptanzbeschaffung für Wissenschaft und Technik wittern.
Dass die Universität Wien das Konzept der Universität Tübingen kopiert habe, wie Brokmann-Nooren behauptet, ist zudem falsch. Das Wiener Konzept ist unabhängig entstanden und sieht eine ganze Woche entsprechender Aktivitäten samt Mensabesuch vor, das Tübinger Konzept hingegen besteht aus über das Semester verteilten Vorlesungsreihen.
Der Artikel über SeniorInnenbildung von Felizitas Sagebiel reißt einige spannende Fragen an. Etwa: ob der Bolognaprozess und die zunehmende Ökonomisierung der Universität die Integration der älteren Studierenden erschweren wird. Insgesamt bleibt es aber ein Forschungsüberblick, der die Ergebnisse der letzten Jahre, fast Jahrzehnte synthetisiert. Abschließend stellt Karl Weber die sehr berechtigte Frage ob angesichts der zunehmenden Ausdifferenzierung der Universitätslandschaft Forschung und Weiterbildung nicht auseinander zu fallen drohen.
Der Gesamteindruck des Bandes bleibt freilich sehr zwiespältig. An klugen Ansätzen und Überlegungen mangelt es nicht, aber die Mischung ist gar zu beliebig. Auch wirkt vieles gar zu selbstbezüglich oder weniger vornehm ausgedrückt: die Erwachsenenbildung und die Forschung dazu kochen in ihrem eigenen Saft. Die Angst vor einem Bedeutungsverlust der wissenschaftlichen Weiterbildung, die zwischen den Zeilen zu lesen ist, wird durch die Beschwörung des Herausgebers Peter Faulstich, dem Projekt der Aufklärung verpflichtet zu sein (9 u. 30), nicht vertrieben. Wobei die wissenschaftliche Weiterbildung – im Gegensatz zur klassischen Erwachsenenbildung – in diesem allumfassenden Sinne, wie sie hier verstanden wird, ja keineswegs schrumpft sondern vielmehr expandiert. Aber sie ist dermaßen vielgestaltig geworden, dass sie mit einfachen Formeln wie Aufklärung nicht mehr zu fassen ist.