„Neue Perspektiven der Vermittlung in der wissenschaftlichen Weiterbildung“
von Nikola Langreiter am 22. Jan, 09:56
will Peter Faulstich mit seinem Sammelband zu öffentlicher Wissenschaft aufzeigen. Die 16 AutorInnen kommen überwiegend aus dem Bereich Erwachsenenbildung und geben dem Band einen ziemlich pädagogischen Drall. Aber einige der Beiträge sind für WissenschaftskommunikatorInnen interessant:
Einleitend erläutert der Herausgeber Begriffe und Konzepte rund um Wissenschaft, Öffentlichkeit und Popularisierung. Er spannt den Bogen von Traditionen der Popularisierung zu rezenten Bestrebungen und Erscheinungen zu spannen und propagiert Historisches als Inspiration für die Gegenwart. Weil Wissenschaft die „angemessene Form der Interpretation von Welt“ sei, müsse die historische „Einheitlichkeit von Wissenschaftlichkeit und Verständlichkeit“ wieder hergestellt werden. Wer im 19. Jahrhundert wirklich Zugang zu wissenschaftlichem Wissen hatte, wird nicht gefragt.
Andreas Daum zeigt, dass die Geschichte der Popularisierung von Wissenschaft wie die aktuelle Diskussion darüber von Hoffnungen und Skepsis begleitet ist. Auch Daum möchte dazu anregen, vergessene Ansätze der Wissensvermittlung neu zu entdecken und beschreibt die historische Vielfalt von populären Wissensräumen, Medien und Formen der Vermittlung (bis hin zur fiktionalen Dramatisierung).
Mit der aus England kommenden „Universitätsausdehnungsbewegung“ befasst sich Wilhelm Filla und erläutert das Modell der Wiener „Volkstümlichen Universitätsvorträge“ ausführlicher. Vom späten 19. Jahrhundert kommt er zur aktuellen Initiative „University meets public“. Als größte Herausforderung für „Wissenschaftsverbreitung“ (den Begriff „Popularisierung“ lehnt er ab) bezeichnet der Generalsekretär des Verbandes Österreichischer Volkshochschulen, dass Wissenschaft kritisch sei, auch sich selbst gegenüber. Für sie sei Verunsicherung zentral, während Erwachsenenbildung immer auf die Vermittlung von „intellektuellen Sicherheiten“ abziele.
Ausgehend vom aktuellen Boom der Wissen(schaft)smagazine in Printmedien und TV ruft Klaus Taschwer historische populärwissenschaftliche Formate in Erinnerung. Im Zuge eines kleinen internationalen Vergleichs überrascht er mit einigen Fakten – etwa damit, dass es in Portugal Mitte des 19. Jahrhunderts 47 populäre Wissenschaftszeitschriften gab, für ganze drei Millionen EinwohnerInnen, von denen 80 Prozent nicht Lesen und Schreiben konnten. In einem zweiten Schritt geht Taschwer auf nationale Differenzen von Wissenschaftspopularisierung ein und bringt schließlich einige deutschsprachige Beispiele, wie die Zeitschriften „Das Wissen für Alle“, „Kosmos“ oder „Urania“, um schließlich Wissenschaftsberichterstattung von heute zu bewerten: Akademische Wissenschaft spiele da keine Hauptrolle mehr, wichtig seien verständliche Texte und tolle Bilder sowie die Anschlussfähigkeit an die Lebenswelt des Publikums. Das Interesse an Bizarrem und Kuriosem sei groß und auffallend der zunehmende Einfluss von PR. Die Öffentlichkeit zu informieren, wie Wissenschaft funktioniert, sei nach wie vor ein Desiderat; nicht zuletzt weil Wissenschaftskritik – anders als Musik- oder Theaterkritik – eher negativ konnotiert ist.
Annette Noschka-Roos und Jürgen Teichmann präsentieren Konzepte zur Wissensvermittlung im Museum. Intensive Besucherorientierung soll Museen und Science Centres als Lernorte attraktiv halten; Zusammenhänge dieser Strategie mit Marketing werden bemüht abgetan. Die beiden bringen einige Beispiele, wie Wissenschafts- und Technik-Museen versuchen, den Anforderungen von „PUR“ (Public Understanding of Research) gerecht zu werden, z. B. Einblick in Forschungspraxis geben oder die Möglichkeit, neue wissenschaftliche Ergebnissen zu diskutieren. Abschließend erläutern Noschka-Roos und Teichmann, beide arbeiten im Deutschen Museum in München, noch die Rolle der Objekte für das Erzählen von „Wissenschaft für jedermann“ (so heißt eine Veranstaltungsreihe des Deutschen Museums).
In den anderen Beiträgen geht es um Institutionalisierungsformen von wissenschaftlicher Weiterbildung in Deutschland, um Wissensvermittlung an alterspezifische Zielgruppen und um das Profil universitärer Weiterbildung. Alles in allem ist „Öffentliche Wissenschaft“ ein lesenswerter Band – ein wenig störend, dass an keiner Stelle der Wunsch nach Teilhabe breiter Bevölkerungskreise an wissenschaftlichem Wissen hinterfragt wird; ein wenig störend auch, dass der Band teilweise schlampig redigiert ist.
Faulstich, Peter (Hg.): Öffentliche Wissenschaft. Neue Perspektiven der Vermittlung in der wissenschaftlichen Weiterbildung (= Theorie Bilden 4). Bielefeld: Transcript 2006, 241 S., € 19,80, ISBN 978-3-89942-455-3.
Einleitend erläutert der Herausgeber Begriffe und Konzepte rund um Wissenschaft, Öffentlichkeit und Popularisierung. Er spannt den Bogen von Traditionen der Popularisierung zu rezenten Bestrebungen und Erscheinungen zu spannen und propagiert Historisches als Inspiration für die Gegenwart. Weil Wissenschaft die „angemessene Form der Interpretation von Welt“ sei, müsse die historische „Einheitlichkeit von Wissenschaftlichkeit und Verständlichkeit“ wieder hergestellt werden. Wer im 19. Jahrhundert wirklich Zugang zu wissenschaftlichem Wissen hatte, wird nicht gefragt.
Andreas Daum zeigt, dass die Geschichte der Popularisierung von Wissenschaft wie die aktuelle Diskussion darüber von Hoffnungen und Skepsis begleitet ist. Auch Daum möchte dazu anregen, vergessene Ansätze der Wissensvermittlung neu zu entdecken und beschreibt die historische Vielfalt von populären Wissensräumen, Medien und Formen der Vermittlung (bis hin zur fiktionalen Dramatisierung).
Mit der aus England kommenden „Universitätsausdehnungsbewegung“ befasst sich Wilhelm Filla und erläutert das Modell der Wiener „Volkstümlichen Universitätsvorträge“ ausführlicher. Vom späten 19. Jahrhundert kommt er zur aktuellen Initiative „University meets public“. Als größte Herausforderung für „Wissenschaftsverbreitung“ (den Begriff „Popularisierung“ lehnt er ab) bezeichnet der Generalsekretär des Verbandes Österreichischer Volkshochschulen, dass Wissenschaft kritisch sei, auch sich selbst gegenüber. Für sie sei Verunsicherung zentral, während Erwachsenenbildung immer auf die Vermittlung von „intellektuellen Sicherheiten“ abziele.
Ausgehend vom aktuellen Boom der Wissen(schaft)smagazine in Printmedien und TV ruft Klaus Taschwer historische populärwissenschaftliche Formate in Erinnerung. Im Zuge eines kleinen internationalen Vergleichs überrascht er mit einigen Fakten – etwa damit, dass es in Portugal Mitte des 19. Jahrhunderts 47 populäre Wissenschaftszeitschriften gab, für ganze drei Millionen EinwohnerInnen, von denen 80 Prozent nicht Lesen und Schreiben konnten. In einem zweiten Schritt geht Taschwer auf nationale Differenzen von Wissenschaftspopularisierung ein und bringt schließlich einige deutschsprachige Beispiele, wie die Zeitschriften „Das Wissen für Alle“, „Kosmos“ oder „Urania“, um schließlich Wissenschaftsberichterstattung von heute zu bewerten: Akademische Wissenschaft spiele da keine Hauptrolle mehr, wichtig seien verständliche Texte und tolle Bilder sowie die Anschlussfähigkeit an die Lebenswelt des Publikums. Das Interesse an Bizarrem und Kuriosem sei groß und auffallend der zunehmende Einfluss von PR. Die Öffentlichkeit zu informieren, wie Wissenschaft funktioniert, sei nach wie vor ein Desiderat; nicht zuletzt weil Wissenschaftskritik – anders als Musik- oder Theaterkritik – eher negativ konnotiert ist.
Annette Noschka-Roos und Jürgen Teichmann präsentieren Konzepte zur Wissensvermittlung im Museum. Intensive Besucherorientierung soll Museen und Science Centres als Lernorte attraktiv halten; Zusammenhänge dieser Strategie mit Marketing werden bemüht abgetan. Die beiden bringen einige Beispiele, wie Wissenschafts- und Technik-Museen versuchen, den Anforderungen von „PUR“ (Public Understanding of Research) gerecht zu werden, z. B. Einblick in Forschungspraxis geben oder die Möglichkeit, neue wissenschaftliche Ergebnissen zu diskutieren. Abschließend erläutern Noschka-Roos und Teichmann, beide arbeiten im Deutschen Museum in München, noch die Rolle der Objekte für das Erzählen von „Wissenschaft für jedermann“ (so heißt eine Veranstaltungsreihe des Deutschen Museums).
In den anderen Beiträgen geht es um Institutionalisierungsformen von wissenschaftlicher Weiterbildung in Deutschland, um Wissensvermittlung an alterspezifische Zielgruppen und um das Profil universitärer Weiterbildung. Alles in allem ist „Öffentliche Wissenschaft“ ein lesenswerter Band – ein wenig störend, dass an keiner Stelle der Wunsch nach Teilhabe breiter Bevölkerungskreise an wissenschaftlichem Wissen hinterfragt wird; ein wenig störend auch, dass der Band teilweise schlampig redigiert ist.
Faulstich, Peter (Hg.): Öffentliche Wissenschaft. Neue Perspektiven der Vermittlung in der wissenschaftlichen Weiterbildung (= Theorie Bilden 4). Bielefeld: Transcript 2006, 241 S., € 19,80, ISBN 978-3-89942-455-3.


