Greenpeace, Global 2000 & grüne Gen-Ängste

Auf Ö1 gab es kürzlich ein hörenswertes Radiokolleg über Qualitätsjournalismus. Eine der vielen interessanten Thesen, die in der Sendung geäußert wurden und bei mir hängen blieben: In Zukunft würden die NGOs in Sachen profunder, investigativer Recherchen und glaubwürdiger Informationsbereitstellung möglicherweise die bisherige Rolle der Qualitätsmedien übernehmen. Hat was, dachte ich mir leicht irritiert.

Den leibhaftigen Gegenbeweis erlebte ich dann am Donnerstag Abend. Da luden die Grünen im Wiener Rathaus unter dem (nicht wirklich selbstironisch gemeinten) Titel "Wer hat Angst vorm bösen Gen?" zu einer Diskussionsveranstaltung mit ExpertInnen aus der Wissenschaft, von NGOs und den Grünen selbst. Insbesondere die beiden Gentechnik-Experten von Global 2000 und Greenpeace demonstrierten dabei eindrucksvoll, dass die gleichen Argumente und schlampige Recherchen nicht besser werden, wenn man sie seit Jahr und Tag bzw. dann auch noch live bei der Veranstaltung wiederkäut. Monsantos genverändertes Patent-Soja erhöhte den Herbizid-Einsatz, deshalb sei grüne Gentechnik samt und sonders böse, böse, böse. Und außerdem sei eine (eigene) kritische Studie auf der Homepage von dialog<>gentechnik nicht zitiert. Und immer noch nicht zitiert.

Die Molekularbiologin Renée Schroeder, die eigentlich von der roten Gentechnik kommt , hat die doppelt grünen Gentechnik-Expertinnen am Podium so locker in die Tasche gesteckt, dass ein anwesender "interessierter Bürger" (glaubhafte Eigendefinition) sich lautstark über die "intellektuelle Unterforderung und Verarschung" seitens der Grün-NGOler aufregte - und nicht wenig Beifall dafür erntete. Vor allem aber: während sich die Wissenschafterinnen am Podium durchaus offen für gute Argumente zeigten und sogar für eine kritischere Betrachtung der "roten" Gentechnik seitens Greenpeace & Co. aussprachen, stellten die Grün- und NGO-VertreterInnen nachhaltig unter Beweis, dass ihre Positionen und ihre Genangstmache wider bessere Argumente anscheinend für immer einbetoniert sind.

P.S.: Meine letzte Hoffnung, dass sich daran etwas ändern könnte, besteht im übrigen darin, dass – apropos Qualitätsjournalismus – Hans Dichand vielleicht doch irgendwann ins (natürlich genfreie) Gras beißen könnte. Aber ich fürchte, bis dahin ist die Verteufelung grüner Gentechnik endgültig österreichische Staatsreligion geworden. In Ewigkeit, Amen!

P.P.S.: Meine Spenden für Global 2000 und Greenpeace werde ich nach der Diskussion für’s erste einmal aussetzen. Solange deren Qualitätsjournalismus-toppende Expertise darin besteht, solche "informationen" bei öffentlichen Diskussionen beizusteueren oder, wie kürzlich geschehen, die Kronenzeitung exklusiv darin zu beraten, dass etwaige unterirdische CO2-Einlagerungen zur Verlangsamung des Klimawandels deshalb des Teufels seien, weil es in einem afrikanischen See zu einem CO2-Austritt gekommen sei, der mehr als tausende Menschen getötet habe, brauchen die tiefschürfenden, investigativen Recherchen dafür echt nicht mit meinem Geld mitfinanziert sein.
STEVIE - 13. Mrz, 19:05

Zwei Welten


taschwer - 13. Mrz, 22:55

Also für diese höchst fragwürdige OTS...

... - Danke für den Hinweis - hätte es beim besten Willen keine Diskussionsveranstaltung gebraucht, da hätte eine Internet-Recherche genügt. Oder vielleicht war die Diskussion doch gut: Weil sie recht eindeutig zeigte, wer da "Desinformation über Gentechnik" verbreitet. Wenn diese OTS ("Stattdessen kam zum Teil völlig unwissenschaftliche Polemik von Seiten der GentechnikbefürworterInnen am Podium und im Publikum") für die Grünen der Sukkus der Diskussion war, dann muss man sich wirklich fragen, ob die eigentlich noch gewählt werden wollen. Oder besser: wählbar sind.

"Zwei Welten" ist gut. Ich würde sagen: "Ein grüner Gentechnik-Dschihad".
Klar sind viele Geschäftspraktiken von Monsanto verwerflich (etwa dass es dabei nur die ProduzentInnen und nicht die VerbraucherInnen geht), und klar gäbe es längst bessere Produkte als die, die seit Jahren am Markt sind. Was nicht zuletzt auch daran liegt, dass aufgrund der rauflizitierten Sicherheitsmaßnahmen die Zulassungskosten für ein neues Produkt geschätzte 30 Millionen Euro betragen (was sich wieder nur Monsanto und Co. leisten können). Das sind wichtige Probleme der Landwirtschaftspolitik, der Globalisierung, des Patentrechts etc. und die müssen als solche diskutiert werden. Aber bitte nicht gleich die gesamte Gentechnik mitverdammen!
thejester - 15. Mrz, 10:38

ich finde es schon schade,

...dass der standard.at die ots-meldung so kommentarlos übernommen hat. danke für den ausgewogenen artikel hier
baurecht - 13. Mrz, 20:39

Vom Spiel mit der Angst

Auch ich durfte an diesem Abend Zeuge einer durchaus dramaturgisch aufwendig inszinierten Diskussionsrunde sein.
Trotz polemischer Aufmachung, hatte ich Hoffnung, angesichts der Panelvertreter, auf eine sachlich und wissenschaftlich wertvolle Auseinandersetzung rund um die Thematik grüne Gentechnik. Dass jedoch sowohl die Gentechnik Experten von Global 2000 und Greenpeace als auch die Grüne Abgeordnete die Veranstaltung als Eigenwerbung auf Kosten von Dialog Gentechnik nutzen verärgerte mich maßgeblich.
Gelder aus öffentlicher Hand sind, gerade wenn der Topf kleiner wird, heiß umkämpft, ihre Vergabe mitunter umstritten, aber dafür seine ach so oft gepriesenen Werte für eine polemische Hetze an den Nagel zu hängen gleicht einem HC Strache. Hätte sonst Prof. Schroeder ihre akademisch nicht unbedarften MitdiskutantInnen an den Unterschied von Korrealität und Kausalität erinnern müssen? Da die Zielgruppe dieser Vereine/Partei jedoch eine völlig andere ist als jener der FPÖ, scheint das Aufgehen dieser Strategie mehr als fraglich.
Mein Kompliment an Dialog Gentechnik und Prof. Schroeder die sich dieser Diskussionsrunde gestellt haben und trotz wissenschaftlich haltloser Anschuldigungen nicht den Weg der Sachlichkeit verlassen haben. Diese sich allerdings spätestens beim Lesen der OTS - Meldung der Grünen überlegen müssen welchem Zweck die Veranstaltung diente.

Ulrich - 15. Mrz, 14:29

Ein Bild & 1000 Worte

Na da passt ja das Titelbild und -thema des neuen "Skeptiker" bestens: http://www.gwup.org/zeitschrift/skeptiker-archiv/960-skeptiker-2010-1

taschwer - 16. Mrz, 01:55

Für all jene, die sich eine noch differenziertere Meinung über die Diskussion im Rathaus und die gentechnikkritische Rolle der Grünen in Deutschland und Österreich bilden wollen, linke ich gerne zurück zu http://www.scienceblogs.de/kritisch-gedacht/2010/03/gentechnik-dialog-mit-den-grunen.php#comment96444 und verweise insbesondere auf den Eintrag von fatmike 182, der auch dort war und die wichtigsten Argumente verlässlich zusammengefasst hat.
stevie - 22. Mrz, 16:48

Die Presse

Nachdem der Standard die Aussendung der Grünen komentarlos übernommen hat, hier ein fast mutiges Interview mit Prof. Glößl in der Presse: http://diepresse.com/home/science/547648/index.do?_vl_backlink=/home/science/index.do

mit den reflexhaften Kommentaren im blog...
taschwer - 22. Mrz, 21:24

Nicht "Der Standard", sondern derStandard.at, so viel Zeit muss sein, was die Sache zugegeben nicht viel besser macht.