Der Ö1-Radiodoktor plagiierte ungeniert...

...zitiert und verlinkt aber in Zwischenzeit. Siehe Kommentar weiter unten (erfreulicher Nachtrag vom 1. März, der Rest des Eintrags stammt noch vom 26. Februar:)

So gut Ö1 als Sender sein mag, so schlecht funktioniert seine Homepage: Man kennt sich nicht aus, wo was ist, es gibt keine inhaltlichen Hierarchien, keine Orientierungshilfen, Kraut und Rüben herrschen vor. Mängel im Konzept setzen sich zumindest auf den Seiten des Ö1-Radiodoktors mitunter bis in die unterste Textebene fort, wo es zu seltsamen Kooperationen kommt und Texte vollständig durch copy & paste entstehen können, wie Karin Steiner dem sciblog meldete.

Die Geschäftsführerin des Forschungsinstituts abif war bei einer Internetrecherche zum Thema Arbeitslosigkeit und Gesundheit zufällig auf eine Artikelserie zu diesem Thema gestoßen, die im Rahmen der Sendung "Radiodoktor" für die Ö1 Webseite verfasst wurde. abif und das AMS Österreich hatten bereits 2007 eine Publikation zu diesem Thema herausgegeben, und Steiner fielen sofort Parallelen dazu auf. Nach genauerer Prüfung musste sie feststellen, dass alle Texte dieser Serie aus dem "Praxishandbuch: Betriebliche und arbeitsmarktintegrative Gesundheitsförderung" 1:1 übernommen wurden und zwar ohne dieses zu zitieren.

Steiner weiter: "Da das Copyright für die Publikation lt. Impressum beim Forschungsinstitut abif liegt, müsste bei abif sogar um Erlaubnis für den Abdruck der Texte angesucht werden." Doch nicht einmal bei den angeführten Links wird das Handbuch erwähnt.
Womit wir ein un/schönes Beispiel mehr hätten für den Zustand des Medizinjournalismus in Österreich ganz allgemein und der ORF-Gesundheitsberichterstattung im Speziellen.

Link zur Publikation von abif: http://www.forschungsnetzwerk.at/downloadpub/PH_Gesundheit.pdf
Link zur Serie von Ö1: http://oe1.orf.at/libero/134911.html
taschwer - 1. Mrz, 09:53

Ö1 Radiodoktor zitiert und verlinkt

Karin Steiner teilt uns gerade mit, dass sich die Verantwortlichen vom Ö1 Radiodoktor in der Zwischenzeit entschuldigt haben. Und weiter: "Wir sind so verblieben, dass das Handbuch auf jeder Seite und unter den Links zitiert wird." Was in der Zwischenzeit auch geschehen ist, womit sich der Fall zum Positiven erledigt hat. Es tut ja eh nicht weh!

GueSt - 1. Mrz, 10:04

Fundstück…


GueSt - 1. Mrz, 12:03

Apropos: Zustand des Medizinjournalismus

Das hier

http://derstandard.at/r4861/Familie

ist augenscheinlich ein Koppelgeschäft: Inserat von Windelfirma gegen einen (in sich auch noch widersprüchlichen) redaktionellen Text übers Bettnässen. Dass auf die „Unterstützung“ der Windelfirma für die „Themenserie“ hingewiesen wird, macht die Sache nur um eine Winzigkeit besser.

Derart offenkundige Koppelgeschäfte gab es bisher nur in Regionalblättern: Autohauseröffnungsbericht gegen Auto-Inserat etc. Dass sowas jetzt auch in der Qualitätspresse passiert, ist aber nur auf den ersten Blick erstaunlich. Tatsächlich musste es früher oder später einfach passieren. Der Dammbruch ist lediglich der logische nächste Schritt nach all den depperten „Kooperationen“ wie sie in den Wissenschaftsbeilagen von Presse und Standard seit Jahren üblich sind.

Bei diesen Kooperationen zahlen Sponsoren einen Betrag und können sich im Gegenzug drauf verlassen, pro Jahr so und so oft erwähnt zu werden. Logisch, dass die so entstandenen Geschichten nicht besonders kritisch sind. Logisch, dass im Wesentlichen Projekte im Maßstab 10:1 verfeatured werden. Denn es muss ja das Kommunikationsbedürfnis des Sponsors befriedigt werden. Dieses Bedürfnis besteht darin, die geleistete Arbeit zu präsentieren, die erhaltenen Subventionen zu rechtfertigen. Es soll breite öffentliche Zustimmung für Wissenschaft und Forschung erkauft werden.

Die Verleger machen aus diesem Anliegen ein Geschäft. Sie verkaufen ihren Sponsoren aber nicht etwa Anzeigen. Sie verkaufen Berichterstattung. Sie lassen auf ihren Kooperationsseiten PR verbreiten, allerdings unter dem guten Namen/Labels ihrer Zeitungen. Diese Mogelpackung suggerieren dem Leser unabhängigen Journalismus. Und das ist genau der Mehrwert, den die Qualitäts-Herausgeber vermarkten.

Die Leser bekommen statt unabhängigem Journalismus also gekaufte Themen und statt spannender Geschichten die fade Abwicklung von Kooperationsverträgen. Ich stelle mir das ungefähr so vor:
Redakteur 1: „Oha, der Sponsor XY hat sich schon bei den Anzeigenverkäufer/Kooperationskupplern beschwert, er ist erst sechs mal vorgekommen, bezahlt hat er aber für zehn Geschichten.“
Redakteur 2: „Ja, aber XY macht so fade Sachen. Statt dessen könnten wir doch…“
Redakteur 1: „Nix da, wir müssen unser Plansoll erreichen.“

Immerhin: Wenn z.B. die ÖAW zahlt, kann die Redaktion aus dutzenden Projekten – „in völliger redaktioneller Unabhängigkeit" – wählen. Es gibt also immerhin ein Fuzi-Freiheit in der großen Unfreiheit.

Bei der Windelgeschichte gabs wohl nicht einmal diese Rest-Freiheit. Bleah, Standard, brauchst für eine Bettnässer-Geschichte finanzielle Unterstützung von einem Windelhersteller! Schäm Dich!

Und die Autorin der Geschichte? Die wird von den Hunden gefressen, weil ihr Artikel gekauft ausschaut – ob sie nun von der Kooperation gewusst hat, oder nicht. Dabei kriegt sie nur ein lächerliches Zeilenhonorar.

Fazit: Die Bettnässer schämen sich, Autorin schämt sich, nur der Standard nicht, der ist bei seinen Kooperationsbedingungen offenbar schamlos.

Verstehe einfach nicht, warum es bei Gesundheit/Wissenschaft so eingerissen ist, dass es Geschichten bzw. Seiten nur noch gegen Sponsoren-Kohle gibt. Nach diesem Verständnis brauchen Wissenschaft und Gesundheit offenbar keine redaktionelle Unabhängigkeit. In allen anderen Ressorts ist diese Unabhängigkeit selbstverständlich – oder wenigstens wird sie nicht so offenkundig über Bord geworfen wie hier.
Oder kriegen wir jetzt nur noch Berichte über die Regierungsklausur in Graz, wenn das BKA was zahlt dafür?

GueSt - 1. Mrz, 16:14

off topic: SciJourn in GB

Also das Londoner Department for Business Innovation & Skills ist ja an sich schon erstaunlich. Die haben ua eine Abteilung für Science & Media. Zum Ohrenschlackern, nicht?

Jetzt (naja: am 13. Jänner) haben die auch noch einen Report "Science and the Media: Securing the Future" publiziert. Downloadbar hier (braucht gratis Registrierung bei Scribd, habs gemacht, hat nicht weht getan):

interactive.bis.gov.uk/scienceandsociety/site/media/2010/01/21/comment-on-the-final-report/

An anderer Stelle ist über den Inhalt zu lesen:

The report also contains a number of actions and recommendations to adress these challenges – including radical plans to officer basic science training to journalists, a new scheme to get more scientist to work in the media, a call for new funding to boost investigative reporting on science and a new Science Programming Centre based loosely on the SMC – some of which need funding and people to take them on.

Spasday

GueSt - 2. Mrz, 19:59

off topic Kapuscinski kaputt?

Der ORF fasst die Debatte um Ryszard Kapuscinski bzw die neue Biographie über ihn zusammen, incl. Links zu Geschichten auf SZ und NZZ

http://www.orf.at/100302-48585/index.html

Dass sich Kapuscinski seine Geschichten offenbar nicht durch Fakten hat kaputtmachen lassen, stand neulich schon in Geo. Reporter haben das Leben von Haile Selassie nachgezeichnet. Über die Arbeit der Reporter berichtet das Blatt:

"Das berühmte Buch 'König der Könige' des polnischen Reporters Ryszard Kapuscinnski war ihnen keine Hilfe: Es entpuppte sich als ein literarisches Werk, in dem vieles frei erfunden ist." (GEO, 2/2010, 82)

GueSt - 4. Mrz, 09:50

SUUUper Stipendium - mit Haken

Also das ist ja coool:

Drei Wochen nach Cambridge (UK) (Spesen werden beglichen), sich Vorträge anhören, dann nach Hause, in fünf Wochen eine große Geschichte schreiben, dann noch mal für zwei Wochen nach Cambridge. 15.000 Dollar kassieren.

Soopa, oda?

Blöd nur, dass das ganze von der schwindligen Templeton-Stiftung finanziert wird. Der geht es um die Wiedervereinigung von Wissenschaft und Religion.

Blöd nur, dass man als Teilnehmer anschließend am Blog-Pranger steht und aushalten muss, dass rationale Menschen sich lustig über einen machen:

"These journalism fellowships are nothing more than a bribe—a bribe to get journalists to favor a certain point of view. The Foundation’s success at recruiting reputable candidates proves one thing: it doesn’t cost much to buy a journalist’s integrity. Fifteen thousand bucks, a “book allowance,” and a fancy title will do it."

http://whyevolutionistrue.wordpress.com/2010/02/27/the-templeton-bribe/

Erstaunlich: Auch Chris Mooney, ansonsten ganz gut bei Sinnen, spielt auch mit.

John Brockman twittert über ihn und die 14 restlichen Teilnehmer:

"A new list (of, Anm GueSt) 15 journalists we no longer have to read."

Wer trotzdem nächstes Jahr im Auftrag der Stiftung nach Überlappungen von Religion und Wissenschaft suchen will: hier das Link. Nein doch nicht. Googelt selber, sonst heißt es noch, GueSt verzaht arme KommunikatorInnen in düstere Kirchen.

Spasday.

jupe - 4. Mrz, 11:48

off topic :-)

Hallo GueSt, magst du vielleicht einen eigenen Zugang für den SciBlog, dann musst du deine off-topics nicht als kommentare irgendwo verstecken, sondern kannst eigene Beiträge schreiben.... meld dich bei mir per mail, wenn du magst. julia(pkt)petschinka(ät)gmx(pkt)at.
lg, jupe