Offener Brief zu einem Klubaustritt
von taschwer am 20. Jan, 02:12
Liebe Kolleginnen und Kollegen,
aus Anlass der heute bevorstehenden Generalversammlung des Klubs der Bildungs- und Wissenschaftsjournalisten möchte ich hiermit nach reiflicher Überlegung und mehrjähriger Mitgliedschaft meinen Austritt aus dem Klub bekannt geben.
Ich bei der Gelegenheit nützen gerne ein paar Gründe für diesen Schritt nennen. Und da diese Gründe nicht nur die Verfehlung der Ziele des Klubs in den vergangenen Jahren betreffen, sondern zum Teil auch die Klubziele selbst sowie und seine Satzungen, scheint mir ein Austritt die einzig mögliche Alternative – zumal beim besten Willen nicht absehbar ist, dass sich angesichts des mitgeschickten Wahlvorschlags am Status quo etwas ändern könnte.
Zu messen ist der Klub und seine Leitung an den Klubzielen, die da zusammengefasst lauten: „Die Sachgebiete Bildung, Schulwesen und Schulreform, Wissenschaft, Hochschulen und Forschung in den Massenmedien wirkungsvoll zu fördern; die berufliche Weiterbildung der Journalisten speziell in der Bildungs- und Wissenschaftsthematik zu unterstützen; Kontakte mit dem Ausland zu schließen, in der Absicht, den notwendigen Vergleich mit den anderen Ländern zu ermöglichen“.
Warum ein JournalistInnenklub zuvorderst die Objekte der Wissenschafts- und Bildungsberichterstattung (nicht dabei ist übrigens die Medizin) „in den Massenmedien wirkungsvoll fördern“ soll, verstehe ich bis heute nicht. Für PR- oder Lobbyisten-Vereinigungen mag das ein legitimes Anliegen sein. Als Journalist sehe ich mein Berufsziel eher in einer fairen, unabhängigen und wenn angebracht: kritischen Berichterstattung im Dienste der LeserInnen/HörerInnen/SeherInnen und damit der Öffentlichkeit.
Jenem völlig überholten PR-Ziel entspricht wohl nicht ganz zufällig die Tatsache, dass in diesem Klub der Bildungs- und WissenschaftsjournalistInnen auch ÖffentlichkeitsarbeiterInnen von PR-Agenturen, Ministerien, Forschungseinrichtungen völlig gleichberechtigte Klubmitglieder inklusive Stimmrecht sind. Nichts, aber auch wirklich nichts gegen all die KollegInnen in diesem Bereich, die zum Teil hervorragende Arbeit leisten. Aber völlig gleichberechtigte Klubmitglieder? Und wie ist das mit dem kooptierten Vorstand?
Das korporatistische Zusammenhalten mag in den Anfangszeiten des Klubs vor fast vier Jahrzehnten noch angegangen sein. Angesichts des enormen Wachstums und der Ausdifferenzierung des Bereichs Wissenschaftskommunikation in den vergangenen Jahren, vor allem aber angesichts der ständigen Bedrohung eines unabhängigen Wissenschafts- Bildungs- und Medizinjournalismus durch alle möglichen Arten der Kooperation halte ich diesen Punkt in den Satzungen für völlig kontraproduktiv.
Diese Problematik wird dann zum Beispiel auch bei Wahl des Wissenschafters/der Wissenschafterin des Jahres manifest. Es tut einer solchen Wahl nichts Gutes, wenn PR-VertreterInnen dabei ForscherInnen ihrer Einrichtungen sowohl vorschlagen wie auch wählen dürfen. (Einmal ganz abgesehen davon, dass diese Wahl weiterhin darunter leidet, dass die Kriterien nach wie vor alles andere als klar sind – geht es um gute WissenschafterInnen oder doch um gute KommunikatorInnen? Dürfen es auch KabarettistInnen sein?)
Im Hinblick auf die Unabhängigkeit und das Selbstbewusstsein dieser journalistischen Interessenvertretung passt es denn auch gut ins Bild, wenn beim Eisstockschießen, dem allem Anschein nach wichtigsten gesellschaftlichen Ereignis des Klubs, die Klub-Mitglieder im Vorjahr halt leider nur die Anfeuerer der Mannschaften der Minister, Wissenschafts- und Bildungsverantwortlichen der Parlamentsparteien und Uni-Rektoren sein durften.
Womöglich erhalte ich nicht immer alle Aussendungen des Klubs, und ich verpasse das Wichtigste. Was die Unterstützung der beruflichen Weiterbildung der Journalisten „speziell in der Bildungs- und Wissenschaftsthematik“ angeht, ist zumindest mir in den vergangenen Jahren ebenso wenig Einschlägiges untergekommen wie in Sachen „Kontakte mit dem Ausland zu schließen“ – außer man rechnet die eher entbehrlichen Mails mit journalistischen Stellenanzeigen aus Deutschland dazu, die bestimmt schon sehr vielen Klubmitgliedern zu neuen Jobs verholfen haben.
Das Verfehlen diese beiden letzten Ziele ist umso bedauerlicher, da sich diesbezüglich gerade in Deutschland mit der Initiative Wissenschaftsjournalismus (die auch ÖsterreicherInnen offen steht) in den vergangenen Jahren ein bestens funktionierendes Netzwerk etabliert hat. Da wird auf vorbildliche Art und Weise Weiterbildung organisiert und mit der alljährlichen Konferenz "Wissenswerte" in Bremen ganz wesentlich zu einer Verbesserung des Niveaus der Wissenschaftsberichterstattung beigetragen. Über den Klub habe ich davon nichts erfahren. Und selbst bei den einschlägigen Veranstaltungen in Österreich wie der SciCom sehe ich den Klub nicht wirklich vertreten. Aber vielleicht ist mir ja auch etwas entgangen.
Den Mitgliedsbeitrag von 22 Euro für 2009 werde noch entrichten. Wozu und weshalb, weiß ich beim besten Willen nicht. Sollte man als Klubmitglied aber.
Vielleicht hätte man es ja auch beim versöhnlichen (Groucho) Marx-Zitat bewenden lassen können, der anlässlich seines Austritts aus dem Friars-Club meinte: I don't care to belong to any club that will have me as a member." Aber so leicht wollte ich es mir dann auch nicht machen.
Mit freundlichen Grüßen,
Klaus Taschwer
aus Anlass der heute bevorstehenden Generalversammlung des Klubs der Bildungs- und Wissenschaftsjournalisten möchte ich hiermit nach reiflicher Überlegung und mehrjähriger Mitgliedschaft meinen Austritt aus dem Klub bekannt geben.
Ich bei der Gelegenheit nützen gerne ein paar Gründe für diesen Schritt nennen. Und da diese Gründe nicht nur die Verfehlung der Ziele des Klubs in den vergangenen Jahren betreffen, sondern zum Teil auch die Klubziele selbst sowie und seine Satzungen, scheint mir ein Austritt die einzig mögliche Alternative – zumal beim besten Willen nicht absehbar ist, dass sich angesichts des mitgeschickten Wahlvorschlags am Status quo etwas ändern könnte.
Zu messen ist der Klub und seine Leitung an den Klubzielen, die da zusammengefasst lauten: „Die Sachgebiete Bildung, Schulwesen und Schulreform, Wissenschaft, Hochschulen und Forschung in den Massenmedien wirkungsvoll zu fördern; die berufliche Weiterbildung der Journalisten speziell in der Bildungs- und Wissenschaftsthematik zu unterstützen; Kontakte mit dem Ausland zu schließen, in der Absicht, den notwendigen Vergleich mit den anderen Ländern zu ermöglichen“.
Warum ein JournalistInnenklub zuvorderst die Objekte der Wissenschafts- und Bildungsberichterstattung (nicht dabei ist übrigens die Medizin) „in den Massenmedien wirkungsvoll fördern“ soll, verstehe ich bis heute nicht. Für PR- oder Lobbyisten-Vereinigungen mag das ein legitimes Anliegen sein. Als Journalist sehe ich mein Berufsziel eher in einer fairen, unabhängigen und wenn angebracht: kritischen Berichterstattung im Dienste der LeserInnen/HörerInnen/SeherInnen und damit der Öffentlichkeit.
Jenem völlig überholten PR-Ziel entspricht wohl nicht ganz zufällig die Tatsache, dass in diesem Klub der Bildungs- und WissenschaftsjournalistInnen auch ÖffentlichkeitsarbeiterInnen von PR-Agenturen, Ministerien, Forschungseinrichtungen völlig gleichberechtigte Klubmitglieder inklusive Stimmrecht sind. Nichts, aber auch wirklich nichts gegen all die KollegInnen in diesem Bereich, die zum Teil hervorragende Arbeit leisten. Aber völlig gleichberechtigte Klubmitglieder? Und wie ist das mit dem kooptierten Vorstand?
Das korporatistische Zusammenhalten mag in den Anfangszeiten des Klubs vor fast vier Jahrzehnten noch angegangen sein. Angesichts des enormen Wachstums und der Ausdifferenzierung des Bereichs Wissenschaftskommunikation in den vergangenen Jahren, vor allem aber angesichts der ständigen Bedrohung eines unabhängigen Wissenschafts- Bildungs- und Medizinjournalismus durch alle möglichen Arten der Kooperation halte ich diesen Punkt in den Satzungen für völlig kontraproduktiv.
Diese Problematik wird dann zum Beispiel auch bei Wahl des Wissenschafters/der Wissenschafterin des Jahres manifest. Es tut einer solchen Wahl nichts Gutes, wenn PR-VertreterInnen dabei ForscherInnen ihrer Einrichtungen sowohl vorschlagen wie auch wählen dürfen. (Einmal ganz abgesehen davon, dass diese Wahl weiterhin darunter leidet, dass die Kriterien nach wie vor alles andere als klar sind – geht es um gute WissenschafterInnen oder doch um gute KommunikatorInnen? Dürfen es auch KabarettistInnen sein?)
Im Hinblick auf die Unabhängigkeit und das Selbstbewusstsein dieser journalistischen Interessenvertretung passt es denn auch gut ins Bild, wenn beim Eisstockschießen, dem allem Anschein nach wichtigsten gesellschaftlichen Ereignis des Klubs, die Klub-Mitglieder im Vorjahr halt leider nur die Anfeuerer der Mannschaften der Minister, Wissenschafts- und Bildungsverantwortlichen der Parlamentsparteien und Uni-Rektoren sein durften.
Womöglich erhalte ich nicht immer alle Aussendungen des Klubs, und ich verpasse das Wichtigste. Was die Unterstützung der beruflichen Weiterbildung der Journalisten „speziell in der Bildungs- und Wissenschaftsthematik“ angeht, ist zumindest mir in den vergangenen Jahren ebenso wenig Einschlägiges untergekommen wie in Sachen „Kontakte mit dem Ausland zu schließen“ – außer man rechnet die eher entbehrlichen Mails mit journalistischen Stellenanzeigen aus Deutschland dazu, die bestimmt schon sehr vielen Klubmitgliedern zu neuen Jobs verholfen haben.
Das Verfehlen diese beiden letzten Ziele ist umso bedauerlicher, da sich diesbezüglich gerade in Deutschland mit der Initiative Wissenschaftsjournalismus (die auch ÖsterreicherInnen offen steht) in den vergangenen Jahren ein bestens funktionierendes Netzwerk etabliert hat. Da wird auf vorbildliche Art und Weise Weiterbildung organisiert und mit der alljährlichen Konferenz "Wissenswerte" in Bremen ganz wesentlich zu einer Verbesserung des Niveaus der Wissenschaftsberichterstattung beigetragen. Über den Klub habe ich davon nichts erfahren. Und selbst bei den einschlägigen Veranstaltungen in Österreich wie der SciCom sehe ich den Klub nicht wirklich vertreten. Aber vielleicht ist mir ja auch etwas entgangen.
Den Mitgliedsbeitrag von 22 Euro für 2009 werde noch entrichten. Wozu und weshalb, weiß ich beim besten Willen nicht. Sollte man als Klubmitglied aber.
Vielleicht hätte man es ja auch beim versöhnlichen (Groucho) Marx-Zitat bewenden lassen können, der anlässlich seines Austritts aus dem Friars-Club meinte: I don't care to belong to any club that will have me as a member." Aber so leicht wollte ich es mir dann auch nicht machen.
Mit freundlichen Grüßen,
Klaus Taschwer



Offenes Posting zu einem Weltereignis
2.: Der Club ist ein Spiegel der Branche, das zeigt sich an verschiedenen Stellen:
Wie ich vernehme, hat auch SciMedia keinen Unterschied zwischen PR und Journis gemacht, versprochen wurde Ausbildung für beides.(Offenbar war das eine Pionierleistung, siehe http://www.message-online.com/101/schnedler.html).
Wie hier zu lesen war, fiel diese Entscheidung aufgrund von Marktbeobachtung. Eh nachvollziehbar, gibt halt mehr PR als Journi-Jobs. Trotzdem nicht sehr gscheit/sauber. Und ja, es wurde ja "reflektiert", haben Absolventen hier geschrieben, geschenkt.
Und: Selbst ansonsten sehr unabhängige Verlage bringen Magazine in Kooperationen zB mit Ministerien heraus. Unter Beteiligung von ansonsten sehr unabhängigen Journalisten.
3.: Schlussfolgerung: Beides, der Club und die Branche, die er spiegelt, sind in schlimmem Zustand.
4.: Ein Club ist nur so gut wie seine Mitglieder. Intl. Vernetzung findet auch statt, indem zB auf Einladungen von Partnerorganisationen geforewardet werden. Darüber hinausgehende Initiativen scheitern an der einfachen, ersten Frage: "Wer kann das übernehmen?"
In diesem Sinne: Haben Sie als Mitglied versucht, "Wissenswerte Österreich" auf die Beine zu stellen? Haben Sie was Besseres organisiert. als dieses offenbar unsägliche Eisstockschmusen? Wären Sie bereit gewesen, für eine Reform der Wahl zum WdJahres etliche durchdiskutierte Abende zu investieren?
5.: Die heute anstehende Wahl wäre Ihre Möglichkeit gewesen, den Verein zu verbessern, zB sich selbst gemeinsam mit einer Reformtruppe aufstellen, die Wahl gewinnen und dann die von Ihnen richtig benannten Großbaustellen anzugehen. Statt dessen machen Sie sich empört gackernd vom Acker.
Übrigens nicht nur Sie: Bizarrer Weise gibt es bis heute nur einen einzigen Wahlvorschlag – die gewohnte Truppe wird also weitermachen.
Das ist einerseits schade&fade weil es keine großen Reformen erwarten lässt. Und das ist andererseits gut, weil diese Typen wenigstens bereit sind, ihre Freizeit für ihre Eitelkeit und die Sache (in welcher Reihenfolge auch immer) zu opfern.
6.: Full Disclosure: Ich bin seit kurzem Mitglied in dem Verein, ärgere/wundere mich über die gleichen Sachen wie Sie und bin ebenfalls zu lahm, um zu versuchen, diese Missstände zu ändern.
Spasday
Ob es eine extra Wissenswerte in Österreich braucht, weiß ich nicht. Man müsste dort halt zumindest auch irgendwie vertreten sein. Ich bin mir nicht einmal ganz sicher, ob eine SciCom sein muss. Ich weiß aber von den drei deutschen KollegInnen, die das als ihren hauptberuflichen Job betreiben (!), dass man an mehr "Kooperation" mit Österreich interessiert ist. (Über diesen Blog ist übrigens eh schon das eine oder andere zustande gekommen...)
In Sachen "Wahl zum Wissenschafters des Jahres" gab es nicht nur von mir, sondern einigen ORF-KollegInnen schriftlich eingereichte Kritik und Reformvorschläge. Die sind aber nicht einmal beantwortet worden.
Zu Punkt 5: Womöglich hätte ich es mir mit dem (sehr lange geplanten) Austritt eh noch einmal überlegt, wenn ich früher als vorgestern erstmals von der Veranstaltung und dem Wahlvorschlag erfahren hätte. Andererseits bin ich, zugegeben, im Hinblick auf die Reformierbarkeit des Klubs mehr als skeptisch. Ich fürchte, da gibt es eine ziemlich tiefe Kluft und allzu viel Unverständnis zwischen den Generationen.
Ich sehe es als große Errungenschaft von SciMedia (vorallem, wenn ich mir die unzufriedenen Statements über "den Klub" durchlese), dass beide Berufsgruppen in einem Verein sind und die Fragestellungen von mehreren Seiten behandeln können.
So viel zur Reflexion, die nicht geschenkt sondern hart erarbeitet wurde.
-->In diesem Sinne: Haben Sie als Mitglied versucht, "Wissenswerte Österreich" auf die Beine zu stellen? Haben Sie was Besseres organisiert. als dieses offenbar unsägliche Eisstockschmusen? Wären Sie bereit gewesen, für eine Reform der Wahl zum WdJahres etliche durchdiskutierte Abende zu investieren?<---
Nein, nichts dergleichen unternommen? Na dann: warum soll sich "der Klub" ändern? Eben. Danke, völlig richtig.