Je näher der Klimagipfel rückt, desto weniger dürfen die Wissenschaftsjournalisten ran. Immer mehr übernehmen die Politik- und Wirtschaftsprofis die Sache. Wie man es besser macht, zeigen führende Medien wie die New York Times oder der Guardian, die beim internationalen Nummer eins-Thema dieser Wochen ressortübergreifende Teams am Werk haben (auch der einschlägige Nature-Blog sei hier nachgetragen). Mehr dazu in der neuen Ausgabe des WPK-Quarterly (PDF), das dann auch die mir sehr berechtigt erscheinende Frage stellt, wofür es überhaupt ein Wissenschaftsressort noch braucht.

Ohne Lektüre sondern aus eigener Anschauung denke ich: Die Fähigkeiten von Wissenschaftsjournalisten müssten in seriösen Redaktionen eigentlich übergreifend gefragt sein. Ich vermute mal überall, wo die Kollegen mit für Sie unbekannten und schwer einschätzbaren Experten und Expertenwissen zu tun haben, aber viele Medien schmerzt es halt viel zu wenig, von Quellen oder PR-Agenturen über den Tisch gezogen zu werden. Wenn sie die Auswahl und Bearbeitung der belanglosen Forschungsnachrichten Volontären oder Praktikanten überlassen dürften, könnten Wissenschaftsredakteure endlich quer durch Blätter oder Programme dafür sorgen, dass Zusammenhänge und Zahlen stimmen und inhaltliche Kompetenzen aufgebaut (statt gegeneinander ausgespielt) werden. Und schließlich mit der kritischen personellen Masse ihre besondere Kenntnis der Wissenschaftsszene dafür nutzen, genau diese ans eigene Medium zu binden.
GueSt - 13. Nov, 16:04

Wozu Wissjourns?!(1)

Erinnere bei solchen Debatten gerne an die Studie von Wormer(2) aus 2008: Der hat in den großen dt. Tageszeitungen in zwei Zeiträumen nachgezählt, wie viele Geschichten mit Wissenschafts-Themen es gibt. 1. Resultat: Immer mehr Wissenschaft. 2.: Die größten Zuwächse gibt es außerhalb der ausgewiesenen Wissenschaftsseiten. Also: WS wird tatsächlich Querschnittsmaterie. Frage: Gehen die Wissenschaftsseiten den Weg der "Seite für die Frau"? Die gibts ja auch nicht mehr. Frauen als Thema in den Zeitungen sind auch zur Querschnittsmaterie geworden(3).

Und: Gut so! Weil warum? Weil die WS Geschichten außerhalb der WS-Seiten waren generell weniger wissenschaftsnahe und weniger auf bloße Vermittlung gemünzt.
Warum das so ist, das kann man sich ja ausmalen. Wenn ich als WS-Journ dauernd mit (vielleicht immer den gleichen) Wissenschaftern zu tun habe, dann geht wohl bald der Biss zu Gunsten einer sympatisierenden Vermittlungsfunktion flöten. Vgl. auch das traurige Schicksal vieler Sportreporter - voll embedded. Allrounder tun es sich hier leichter. Und dem Publikum ist wohl auch besser gedient.
Einwand gegen das eben Geschriebene: Klar sind WS-Geschichten, die nicht im WS Ressort erscheinen weniger WS-nahe. Weil sie eben zB in der Politik, Wirtschaft erscheinen. Vielleicht sind sie dann eben eher an der Politik-Agenda oder an der Wirtschafts-Agenda orientiert. Also, ich gebs zu: WS-Journ müssen nicht prinzipiell zahnloser sein, als ihre KollegInnen in anderen Ressorts.

Schlussfolgerung (von GueSt, nicht von Wormer): Wissenschaftsjournalisten raus aus der Nische! Werdet allrounderhafter. Jeder Chefred wird sich freuen, wenn er jmd für seine Red findet, der Sitzfleisch hat für das Lesen, Nerven für Zuhören und Geduld für Verstehen-wollen. Ob der dann nur über Wissenschaft schreibt, oder eben auch über Anderes, ist wurscht.

(1) Geschrieben vor Einsicht in das WPK 1/4.
(2) Elmer, Christina; Badenschier, Franziska; Wormer, Holger (2008): „Science for Everybody? How the Coverage of Research Issuses in German Newspapers has Increased Dramatically“, Journalism & Mass Communication Quarterly, Vol 85, No.4 (Winter 2008), S. 878-893
(3) Interessantes zur "Frau als Querschnittsmaterie" siehe auch Vandredi (1930): http://www.linz09.at/fm/4972/ZAUBERKUENSTE_Zauber-Revue%20Vandredi_zers%E4gte%20Jungfrau,%201923_c_Dt.%20Plakat_c_Museum%20Essen.jpg
Sorry, Ladies.
(4) Dieser Blogeintrag entstand ohne FWF-Unterstützung. Full Dingsdisclosure: Besitze keine Wormer-Aktien.


Spasday

Tim - 15. Nov, 17:33

PR-Agenturen

"aber viele Medien schmerzt es halt viel zu wenig, von Quellen oder PR-Agenturen über den Tisch gezogen zu werden."

Ja, das ist mir jetzt auch gerade wieder im Vorfeld der Klimakonferenz aufgefallen. Gerade von PR-Agenturen werden sehr Unternehmensfreundliche Texte geschickt in Redaktion platziert.