Allein auf der PK - ein Albtraum in zwei Teilen

Jetzt ist er also Realität geworden, der Albtraum. Heute war ich zum ersten Mal der einzige Journalist auf einer Pressekonferenz. Ich sitze in einem tristen Raum in einer Volkshochschule in der Brgittenau. Mir gegenüber vier Wissenschaftler, alle mit Namensschild, dazu noch die PR-Zuständige mit einem Stapel Presseunterlagen und Kugelschreibern, von denen sie nur je ein Exemplar los wird.
Hätte ich das Thema nicht missverstanden, wäre überhaupt niemand gekommen. Es geht um Virtualität in den Kulturwissenschaften, aber eben nicht oder nur in zweiter Linie um die neuen Medien (das finde ich spannend). Es geht vielmehr um ... ja, um was eigentlich? Darüber muss ich mir jetzt schleunigst Gedanken machen, denn ich soll ja einen Artikel darüber schreiben. Also: ein EU-Projekt wird vorgestellt, es geht um die Bedeutung der Kultur, die Virtualität in unseren Köpfen, also unser Vorstellungsvermögen und gegen die Dominanz der Naturwissenschaften. Nachdem alle viere zu Wort kamen, ist ein Moment Stille. Jetzt sollte ich besser eine kluge Frage stellen. Eine? Am Ende sind es fünf oder sechs. Das war Arbeit.
Irgendwie sympathisiere ich mit dem Anliegen, so schwammig es auch formuliert ist. Aber wo ist die Geschichte, bitte schön? Die Kulturwissenschaften müssen noch viel lernen, vor allem sich besser zu verkaufen. Klar, es wird immer schwieriger Journalisten für PKs zu gewinnen, die Konkurrenz ist groß, kein beneidenswerter Job für die zuständige PR. Aber so geht es nicht. Medientraining sollte obligatorisch werden. Aber erst mal Albtraum, Teil 2: einen Artikel ohne Geschichte schreiben.
Till C. Jelitto - 5. Okt, 12:55

Linear, transversal, lateral.

Ja, ja lieber Oliver, über Wissenschaft zu kommunizieren kann selbst / gerade den geschultesten schwer fallen. Wie anders ist der Beitrag von Prof. Dr. Thoma Bauer (Inst. für Publizistik !!, Uni Wien) auf die Frage zu verstehen: Was erwarten sie von einem Innovationsmagazin.:

“Linear und fachlich eindimensionale, auf Abgrenzung ausgerichtete Dokumentationen gibt es in allen Fachbereichen genug. Was fehlt, ist eine diaskopische, interdisziplinäre Darstellung bzw. Analyse von Forschungsarbeiten, -ergebnissen, -themen. Das generelle Ziel eines (neuen) Forschungsmagazins sollte es sein, den Diskurs in (möglichst transversalen) Themenstellungen abzubilden, um Wissenschafter zu lateralen Perspektiven zu animieren.”

Wenn Kulturwissenschafter so Kommunizieren lernen & lehren dann wundere sich keine und keiner warum Wissenschaft in Österreich keine Begeisterung auslöst. Weder linear, transversal noch lateral.

Nobility - 5. Okt, 15:14

Hauptsache verständlich

Ja, darüber musste ich auch schmunzeln. Der Mann versteht sein Handwerk. Eigentlich ein Kandidat für die "Welt-Zitat"-Sammlung im Falter.

taschwer - 5. Okt, 19:20

Ist nächste Woche im Heft. Und wird von mir noch das eine oder andere Mal als gutes bzw. schlechtes Beispiel zitiert werden für Wissenschaftskommunikationsdefizite der "soft sciences".
jupe - 6. Okt, 11:20

Ironie des Schicksals :-)

Mitte September stand da von dir:
Was ist die Geschichte: Diese Frage ist sehr beliebt bei Redakteuren, die schwammige Angebote von freien Mitarbeitern abwimmeln wollen. Die Frage ist mitunter etwas rüde, aber absolut notwendig.
Und jetzt ?
Aber ich kann dir versichern: es ist nicht nur dein Albtraum, sondern auch der von den PK-organisierenden PressereferentInnen... Wenn man einmal so eine "Nichtigkeits"-PK organisiert hat, ist es schwer, jemals wieder WissenschaftlerInnen für weiter PKs zu bekommen. Geschweige denn JournalistInnen. Also: herzliches Beileid euch allen.
Und noch einen Albtraum kannst du bei dieser Begebenheit gleich mit-erleben (wobei: wie kommst du eigentlich dazu, anderer Leute Albträume nachzuleben? Arm, arm): nämlich, wenn es ein neues EU-Projekt gibt, über das man als PR-Mensch "die Medien" informieren soll - und alles was an Info da ist sind Projektanträge und versierte, informiert WissenschaftlerInnen.... Ich muss gestehen, ein bißchen lustig finde ich das schon :-) kicher.